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Mein Wochenzitat 49/16: Wahrheit in 10 Jahren?

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Diese Woche dehne ich den Begriff Zitat ein wenig. Fasse ihn mehr als etwas Inhaltliches, das meine Gedanken in den letzten Tagen etwas mehr in Anspruch genommen hat als vieles andere. Deshalb steht im meinem wöchentlichen Blogpost mehr eine Frage im Zentrum – oder besser ein Statement, welches ich zu bewerten hatte.

Immer wieder erhalte ich Anfragen, meine Meinungen im Rahmen einer Umfrage abzugeben. So auch gegen Ende November zum Thema “Die Zukunft des Corporate Publishing”. In dieser Studie soll ausgelotet werden, “… wie die Medienwelt von morgen aussieht und wie Unternehmen mit ihren Kunden dann kommunizieren werden. Setzt sich Augmented Reality durch? Geht noch etwas ohne Facebook und Co.? Wird alles nur noch „Sponsored Content?”.

Eines der zu bewertenden Statements hat mich dabei besonders zum Nachdenken gebracht – und ist deshalb mein “Zitat” der Woche:

“In zehn Jahren wird es für Kunden einfach sein, den Wahrheitsgehalt von Produktinformationen transparent und schnell zu bestimmen (z.B. Fact-Checking).”

Natürlich kann man relativ diesem Statement schnell auf der Skala von 1 bis 10 seine Zustimmung oder Ablehnung zuordnen. Von den Verfassern des Fragebogens war eine totale Antwortzeit von 10 bis 12 Minuten vorgesehen; bei den über 40 einzelnen Fragen ergibt dies eine geplante durchschnittliche Antwortzeit von unter 20 Sekunden pro Frage.

Beim Lesen dieses zu bewertenden Statements haben sich bei mir drei zentrale Fragekomplexe in den Vordergrund geschoben:

  1. Werden Produktinformationen in Zukunft nur noch rationaler Natur sein, da nur objektive, messbare Kriterien auch wirklich in richtig und falsch unterteilt werden können? Es ist relativ einfach zu testieren, ob die in der Information versprochene Menge von 100 Gramm auch effektiv 100 Gramm entspricht. Schon etwas schwieriger wird es, wenn bei technischen Angaben – wie z.B. der automobile Treibstoffverbrauch – eine Garantie für die Richtigkeit der Angaben abgegeben werden soll. Wie sieht es aber aus mit Produktinformationen, welche nicht rein objektiver Natur sind (wie z.B. “entspannendes Fahren” oder “einfaches Öffnen”), sondern dazu dienen, Produkte mit identischen objektiven Leistungen zu differenzieren: Wie sollen diese Produktinformationen objektiv als richtig bezeichnet werden können? Garantiert?
  2. Wer würde dann überhaupt definieren, was richtig und falsch ist? Ausgewählte, zertifizierte Spezialisten? Google? Die Internet-Community – und wenn ja: Alle? Nur die effektiven Nutzer? Wie kann auf diese Art und Weise die garantierte Objektivität sichergestellt werden?
  3. Wird das Internet (ich gehe davon aus, dass im Statement angemacht ist, dass diese Überprüfung digital erfolgen soll) in 10 Jahren überhaupt die Garantie abgeben können zur sachlichen und fachlichen Richtigkeit der publizierten Angaben? Wie kann sichergestellt sein, dass keine Manipulationen und Missbräuche stattfinden – wie dies ja aktuell mittels Fake News passiert?

Auf einer übergelagerten Ebene hat mir diese Umfrage wieder mal auf ein aus meiner Sicht wesentliches Manko der aktuellen Marketingkultur in Erinnerung gerufen: Empirie anstatt Inhalte. Zu oft werden reflexartig Fragen beantwortet – ohne die Plausibilität der Fragen zu überprüfen. Und dann stehen Antworten im Raum, dienen als Orientierung für Massnahmen und lösen einen Mitteleinsatz aus. Doch was ist, wenn die Frage nicht richtig formuliert wurde – und deshalb nicht zu einer substantiellen Antwort führen kann?

Doch wer hinterfragt die Richtigkeit der Fragen? Gerne erinnere ich mich an eine Ausgabe eines meiner Lieblingsgefässe im Fernsehen, Scobel auf 3sat, speziell an die Sendung vom 1. Dezember 2014 zum Titel “Krise in den Wissenschaften?. Obwohl ziemlich genau zwei Jahre alt legt die sehr bereichernde Diskussion in dieser Sendung und die eingespielten vertiefenden Beiträge den Finger auf ein aus meiner Sicht immer noch sehr aktuelles Problem – auch im Marketing: Der Bedeutungsverlust der geisteswissenschaftlichen, speziell der philosophischen Aspekte. Vielleicht hätte eine ruhige Minute voller Reflexion geholfen, die in maximal 20 Sekunden zu beantwortende Frage in der Umfrage so zu formulieren, dass daraus mehr Wissen generiert werden kann – anstatt Meinungen.

Genug an Exkurs zu diesem zu bewertenden Statement. Lassen Sie mich schliessen mit den über 2000 Jahre alten Worten von Sokrates – auch damit doch noch ein klassisches Zitat in meinem Wochenpost enthalten ist:

Alle Autorität, die ich besitze, beruht einzig darauf, dass ich weiss, was ich nicht weiss.

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